Franz Kafka «Der Aufbruch, eine Erzählung aus dem Nachlass»

 

Ich befahl mein Pferd aus dem Stall zu holen. Der Diener verstand mich nicht. Ich ging selbst in den Stall, sattelte mein Pferd und bestieg es. In der Ferne hörte ich eine Trompete blasen, ich fragte ihn, was das bedeute. Er wusste nichts und hatte nichts gehört. Beim Tore hielt er mich auf und fragte: „Wohin reitest du, Herr?“ „Ich weiss es nicht“, sagte ich, „nur weg von hier, nur weg von hier. Immerfort weg von hier, nur so kann ich mein Ziel erreichen.“

Aufbruch! Change! Wer kann sich dieser Aufforderung schon entziehen? Jetzt etwas Neues unternehmen, aufbrechen zu neuen Märkten und Ufern. Wer braucht da noch ein Ziel? Welche Gefühle weckt diese Erzählung in Ihnen? Ärger über den Diener? Freude auf die Reise? Angst vor den Gefahren? Stolz auf den eigenen Mut?

Seit meiner Schulzeit fasziniert mich Franz Kafka. Seine Texte irritieren und berühren gleichermassen. Was meint er? Was will er mir sagen? Lege ich seine Erzählungen und Romane literarisch aus, als Allegorie? Oder eher philosophisch und symbolisch mit dem „Weg-von-Hier“ als transzendentem Ziel, das in jeder Situation gefunden werden kann? Und wenn Franz Kafka bloss ein Scharlatan gewesen wäre? Wenn es gar nichts zu finden gäbe?

Die Erzählung selbst fordert keine Interpretation und rechtfertigt auch keine besonders, was ein grosser Teil der Faszination Kafka ausmacht. Welche Fülle in so einer schlichten Erzählung sein kann. Nutzen Sie die Anregungen und Impulse, um zu immer stimmigeren Antworten und Zielen zu gelangen.

„Du kennst also dein Ziel?“ fragte er. „Ja“, antwortete ich, „ich sagte es doch: ,Weg-von-hier`, das ist mein Ziel.“ „Du hast keinen Essvorrat mit“, sagte er. „Ich brauche keinen“, sagte ich, „die Reise ist so lang, dass ich verhungern muss, wenn ich auf dem Weg nichts bekomme. Kein Essvorrat kann mich retten. Es ist ja zum Glück eine wahrhaft ungeheure Reise.“

Ich wünsche Euch Viel Mut und Lebensfreude, zu alten und neuen Zielen aufzubrechen.

Gebi Küng

Franz Kafka (3. Juli 1883 bis 3. Juni 1924) in Prag geborener deutschsprachiger Schriftsteller, stammte aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie. Seine Werke (Der Prozess, Das Schloss und zahlreiche Erzählungen) wurden erst nach seinem Tod und gegen seinen erklärten Willen von Max Brod, einem engen Freund, veröffentlicht. Sie übten bleibenden Einfluss auf die Weltliteratur des 20. Jahrhunderts aus.

Der Aufbruch, 1922 verfasst, 1936 posthum von Max Brod veröffentlicht.

 

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Gebi Küng

Gebi Küng unterstützt und entlastet Unternehmerpersönlichkeiten als Strategieberater und Private Advisor in anspruchsvollen Zeiten mit strategischer Klarheit, Zuversicht und frischen Perspektiven.

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