Heinrich Mann «Professor Unrat»

Unternehmerlektüre Nr. 3

 

„Da er Raat hieß, nannte die ganze Schule ihn Unrat.“ So beginnt die Geschichte von Professor Raat, einem tyrannischen, im jahrzehntelangen Schuldienst verknöcherten und lebensfeindlich eingestellten Gymnasiallehrer im wilhelminischen Deutschland.

Der Spottname Unrat haftet an ihm wie Pech. Er pocht auf Ordnung und eine Disziplin, die ins Sadistische tendiert. Mit dem « Blick eines Tyrannen mit schlechtem Gewissen». will Unrat seine ihm anvertrauten Schüler auf dem richtigen Weg halten und lässt sie Aufsätze « über die Pflichttreue, den Segen der Schule und die Liebe zum Waffendienst» schreiben. Und er folgt seinen Schülern in ein Kabarett, wo er sich prompt in die «Barfusstänzerin» Rosa Fröhlich verliebt, sie heiratet und ein Leben zu leben beginnt, das im totalen Gegensatz zu seinen früheren bürgerlichen Auffassungen steht. Er bricht mit allen Konventionen und startet in seiner «Villa vor dem Tor» eine anarchistische Revolte, mit nächtlichen Vergnügungen und verbotenen Glücksspielen, denen sich die Kleinstädter nur zu gern hingeben.

Die Filmfassung Carl Zuckmayers von 1931 unter dem Titel «Der blaue Engel» (in den Hauptrollen: Emil Jannings und Marlene Dietrich) zementierte den Ruf des Romans als Schulsatire. Heinrich Manns früher Roman will aber mehr und macht Professor Unrat weit über seine Zeit hinaus gültig.

Seiner Meinung nach ist ein System, in dem nur befohlen und gehortet, verdient und ausgebeutet, dem Menschen aber keine Achtung geschenkt wird, ein tyrannisches. Professor Unrat ist aber noch mehr als nur Gesellschaftskritik; eine überzeugende Aufforderung, sich von äusseren Autoritäten zu lösen und eigenverantwortlich, unternehmerisch zu leben. Wie oft sind herzlose Ordnung, unbedingter Gehorsam und sturer Fleiss lediglich die Fassade von innerer Ohnmacht und Triebverdrängung?

Unmenschliche Ansprüche und Disziplin unterdrücken den menschlichen Reifeprozess und starten eine Zeitbombe. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich die unterdrückte „Unterwelt“ meldet: Kraftvoll und laut zur falschen Zeit! Für mich ist ein überzeugender Grund, regelmässig in mich zu gehen und meine Ansprüche an mich und andere zu überprüfen. Was treibt mich an: Lebensbejahende oder lebensfeindliche Kräfte?

Selbstreflexion, Innehalten gehört zur gesunden Entwicklung. Wie unterscheiden Sie tugendhafte Disziplin von massloser? Wie gehen Sie mit Ihren Schattenseiten um? Führen Sie ein selbstkritisches Gespräch mit einem nervenden Zeitgenossen, Sie können viel über sich selber erfahren.

Humor und die Fähigkeit, über eigene Schwächen zu lachen, vertreibt die Furcht und legt die Basis für ein gesundes Wachstum: Wo von Herzen gelacht wird, kann sich die Angst nicht lange halten.

Dem Leben zu dienen und es zu geniessen, dazu wünsche ich Ihnen viel Kraft, Offenheit und Lebensfreude.

Heinrich Mann

(27.3.1871, Lübeck bis 12.3.1950, Santa Monica) Sohn einer wohlhabenden Lübecker Kaufmannsfamilie. Früh verfasste er Novellen und Gedichte und arbeitet ab 1893 als freier Schriftsteller. Zwischen 1893 und 1914 hält er sich abwechselnd in Italien, München und Berlin auf. Er war ein hervorragender Erzähler und Psychologe, Verfechter demokratischer Ideale und älterer Bruder des Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann.

Professor Unrat oder Das Ende eines Tyrannen, Albert Langen / Verlag für Literatur und Kunst, 1. Auflage, München, 1905

 

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Gebi Küng

Gebi Küng unterstützt und entlastet Unternehmerpersönlichkeiten als Strategieberater und Private Advisor in anspruchsvollen Zeiten mit strategischer Klarheit, Zuversicht und frischen Perspektiven.

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